Das große Paradox im Leben ist, dass alles einen Anfang und ein Ende hat. Mein Leben in diesem Körper hatte seinen Anfang im Leib meiner Mutter und endet mit dem Tod.
Gleichzeitig ist alles eingebettet in einen kontinuierlichen Prozess. Die Eizelle, aus der dieser Körper geformt wurde, war bereits in der Gebärmutter meiner Oma lebendig. Und nach dem Tod wird dieser Körper über kurz oder lang zu dem Stoff, der neues Leben nährt.
Dennoch sind Anfangs- und Endpunkte wichtig für uns, um Geschichten zu erzählen, mit denen wir unserem menschlichen Leben Bedeutung geben.
Diese Bedeutung ist gleichzeitig unsere Entscheidung und unsere Verantwortung.
Es ist unsere Entscheidung, weil Bedeutung nicht objektiv ist, wie wir so gerne glauben, sondern absolut subjektiv.
Sie ist abhängig von unserer Sozialisierung, unserer Konditionierung, unseren Erfahrungen, unserer Kapazität, neugierig und offen zu sein: Sehen wir Mangel oder Fülle, Einschränkung oder Möglichkeiten, Trennung oder Verbundenheit? Und können wir alle Bedeutung fallen lassen, um voll und ganz in diesem Augenblick präsent zu sein?
Es ist unsere Verantwortung, denn wie und welche Bedeutungen wir geben, formt nicht nur unseren Körper, sondern auch unsere Beziehungen, unsere Kultur, unser gesamtes Ökosystem: Können wir das, was ist, akzeptieren, anerkennen, sogar feiern oder verurteilen und bekämpfen wir es?
Sri Ammani hat etwas Schönes gesagt: Menschen trennen sich von ihrer Natur, weil anzuerkennen, dass wir eben diese Natur sind, mit Verantwortung kommt.
Wenn wir Verantwortung hören, denken viele Menschen an etwas, das rigide, kontrolliert, sogar dogmatisch ist: unser Denken unterdrücken, unsere Worte zurückhalten, unser Handeln anpassen… unsere Sehnsüchte hinten anstellen.
Das ist nicht, was Verantwortung meint.
Verantwortung ist die Fähigkeit, auf das Leben, so wie es ist, zu antworten. Mit offenem Herzen genau da zu sein, wo wir gerade sind. Weder passiv noch aktiv, sondern präsent.
Präsent mit dem, was in uns ist, und genauso präsent auch mit dem, was in unserer Umwelt ist.
Verantwortung bedeutet zu lernen, dass das Leben nicht aus „entweder oder“ besteht, sondern aus „sowohl als auch“. Es bedeutet, Paradoxe halten zu können und in ihnen das Wunder und die Magie des Lebens zu erkennen.
Zu erkennen, dass Geschichten und ihre Bedeutungen konstruierte Wirklichkeiten sind, die uns im besten Fall unterstützen, das Leben zu navigieren und uns eingebunden zu fühlen in das weite Netz unseres menschlichen Seins.
Verantwortung bedeutet auch, zuzulassen, dass jede Geschichte, jedes Wort nur als Hinweisschild dienen kann, um nach Hause zu finden, an den Ort, an dem wir voll und ganz sein können. Sie werden nie Ersatz für die direkte Erfahrung sein.
Es waren die Worte anderer, die mir den Weg nach Hause gewiesen haben.
Meine Geschichte ist noch längst nicht zu Ende erzählt, denn jetzt, wo ich hier angekommen bin, spüre ich, es gibt noch so viel mehr, was sich entfalten möchte in diesem kontinuierlichen Prozess des Lebens.
Ein großer Teil davon ist, weiterhin dem tiefen Ruf meines Herzens zu folgen, für andere Menschen das zu sein, was ich die letzten Jahre am meisten gebraucht habe:
Guides, die mir den Weg gewiesen haben, wenn ich nicht weiterwusste.
Guardians, die meine Ängste mit mir und für mich gehalten haben, wenn ich mir in einer Tiefe begegnet bin, von der ich dachte, ich könnte sie nicht aushalten.
Ich bin unendlich dankbar, wie reich das Leben mich beschenkt hat, und es fühlt sich nur natürlich an, weiterzugeben, was ich empfangen durfte!
Danke, dass wir diesen Weg gemeinsam gehen.
Von Herzen, Josefine